Готовившаяся более 6 месяцев полная лжи и фальсификаций пропагандистская статья о Войне в Süddeutsche Zeitung Magazin выходит в эту пятницу 28 октября 2016!

Вагон вранья и подтасовок от Зюддойче Цайтунг, или как работает западная пропаганда. Большая статья в Зюддойче Цайтунг Магазин готовилась журналистами Максимилианом Фельманном и Тимофеем Нешитовым с 19 апреля 2016 и выходит 28 октября в цветном пятничном приложении.

Источник — немецкая страничка Фри Войны: http://de.free-voina.org/post/152304293316

ТЕКСТ СТАТЬИ:


By Maximilian Fellmann and Tim Neshitov

Basel ist ein merkwürdiger Ort. Drei Länder treffen hier aufeinander, Deutschland, die Schweiz, Frankreich. Steht man in der Vorhalle des Bahnhofs, hört man all die Sprachen durcheinander. Morgendliches Geplauder auf Schwyzerdütsch. Das Telefonat eines vorbeihastenden Schlipsträgers auf französisch. Das breite Schwarzwald-Schwäbisch (?) eines älteren Mannes, der mit einem Bekannten redet. Ein Vorortzug spült eine gewaltige Traube von Reisenden in die Halle, es ist früh am Morgen, tausende unterwegs in die Büros und Geschäfte und Firmen, für einen Moment ist alles voller Gesichter, Mäntel, Taschen. Als der Trubel sich legt, bleibt ein kleiner, etwas durcheinandergewirbelter Haufen mitten in der Halle stehen. Wie übrig geblieben nach einem Sturm. Ein pummeliger Mann mit strähnigen Haaren und kleinen, müden Augen. Eine kleine, dünne Frau mit schwarzen Locken und blassem Gesicht. Zwei Kinder, die von einem Fuß auf den anderen treten. Ein Baby, das sich an seinem Kinderwagen festhält. Der Mann trägt einen prall gefüllten Rucksack, neben ihm steht ein gewaltiger Koffer, zum Platzen voll. Das ist alles, was die Familie im Augenblick besitzt. Der Mann wischt sich mit einer unwirschen Geste die halblangen Haare aus dem Gesicht und stapft los, auf in die Innenstadt. Die Frau und die drei Kinder hinterher.
Woher sie gerade kommen? Wo sie die letzte Nacht verbracht haben? Klar ist nur eins: Sie dürften nicht hier sein. Nicht hier und nicht in Deutschland und nicht in Frankreich. Oleg Vorotnikov und Natalya Sokol sind mit ihren Kindern Kasper (7), Mama (4) und Troitsa (1) illegal von Land zu Land unterwegs, seit sie vor vier Jahren aus Russland geflohen sind. Ihre Geschichte ist eine Geschichte voller Wut und Wahnsinn.
„Wir werden verfolgt“, sagt Oleg Vorotnikov, „in Russland hassen sie uns. Man würde dort alles tun, um uns zu schaden.“ Vor zehn Jahren haben die beiden die Künstlergruppe Voina gegründet, eine Gruppe, die es innerhalb kürzester Zeit zu notorischem Ruhm brachte. Viel Aufregung, provokante Aktionen, Anzeigen, immer wieder Untersuchungshaft, Rempeleien. Ihre letzte dokumentierte Aktion war die Verbrennung eines Polizeiautos in Sankt Petersburg am 31. Dezember 2011. Seitdem drohen Oleg und Natalya jeweils bis zu sieben Jahren Haft. Artikel 318 des russischen Strafgesetzbuches: Anwendung von Gewalt gegenüber einem Vertreter der Staatsmacht. Artikel 319: Beleidigung eines Vertreters der Staatsmacht. Bei Interpol ist Oleg bis heute zur Fahndung ausgeschrieben, wer ihn sieht, soll sich an die örtlichen Polizeibehörden wenden. „Wenn wir in die Hände der russischen Behörden geraten, dann sitzen wir unsere Zeit ab“, sagt Oleg. „Aber man geht nicht freiwillig ins Gefängnis. Das ist ein Prinzip, an das ich mich halte. Man strebt Freiheit an.“
Oleg Vorotnikov ist 38 Jahre alt, wirkt zehn Jahre älter und spricht oft so, als formuliere er Grundsätze. Auch wenn die mitunter eher selbstverständlich klingen. Er brummt, er poltert, er mag es gern martialisch. Dann aber wird er für einen Moment ganz leise: „Wir vermissen Russland. Aber wir können nicht zurück.“
Moskau, vor zehn Jahren: Ein Haufen verwegener Freunde von der Moskauer Lomonossow-Universität gründet die Künstlergruppe Woina. Woina ist russisch und heißt Krieg, und genau den wollen sie aufnehmen. Krieg gegen den Staat, Krieg gegen die Gesellschaft, Krieg gegen die mafiösen Strukturen von Vladimir Putins Russland. „Unser Ziel ist die Zerstörung des Staates“, erklärt Oleg später in einem Interview. Große Ansagen – und große Aktionen. Zum Beispiel die Sache mit dem Riesenpenis: 2010 malen sie auf eine Brücke direkt gegenüber dem Gebäude des russischen Geheimdiensts einen riesigen Schwanz, 65 mal 27 Meter groß. Und halb Russland streitet darüber, ob das eine schlaue Geste der Kritik oder nur blöder Vandalismus ist.
Oder die Aktion mit dem Totenkopf: Unter dem Motto „Sturm auf das Weiße Haus“ projizieren die Woina-Mitglieder einen gewaltigen Totenschädel auf die Mauern des Regierungsgebäudes in Moskau. Wieder tobt die Öffentlichkeit.
Oder die Aufregung um die usbekischen Arbeiter und Schwulen, die sie in einem Supermarkt aufhängen – ein Kommentar zu schwulenfeindlichen Aussagen des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow, zudem waren in der Zeit davor mehrere Usbeken in Russland ermordet worden.
Was Woina veranstaltete, war oft derb, manchmal bizarr, aber immer phantasievoll. Kurz bevor Dmitri Medwedew 2008 zum Präsidenten gewählt wurde, führte die Gruppe im Biologischen Museum Moskau eine Performance auf unter dem Motto „Fick zur Unterstützung für den Bärchen-Nachfolger“. „Bärchen“ bezog sich auf Medwedew, dessen Name im Russischen so ähnlich klingt. Die Aktivisten traten nackt auf, die schwangere Nadeschda Tolokonnikowa streckte den Kameras der Journalisten ihren Bauch entgegen. „Wir sind Revolutionäre“, sagte Oleg später, „Revolutionäre sind keine Lebenden, sondern Tote auf Urlaub, und vor dem Tod gibt es keine Verstecke.“
Das Problem ist: Oleg und Natalya sehen sich nicht nur im Umgang mit dem Staat als Revolutionäre. Umsturz ist ihr Lebensmodell, auch gegenüber anderen Menschen, ihren Mitstreitern, Freunden und ehemaligen Freunden (davon gibt es weit mehr).
Nach ein paar Jahren begann damals die Gruppe zu zerfallen. Zwei der Mitglieder gingen ihren eigenen Weg: Jekaterina Samuzewitsch und Nadeschda Tolokonnikowa nannten sich Pussy Riot und wurden innerhalb weniger Monate zu weltweiten Medien-Darlings. Die politische Kunst von heute machen eh andere, vor allem Pjotr Pawlenski, der klügste und mutigste Politkünstler Russlands. Aus Protest gegen die Inhaftierung von Pussy Riot nähte er sich mal den Mund zu, einmal umwickelte er sich öffentlich mit Stacheldraht, vor drei Jahren schließlich nagelte er, um die Apathie der Russen zu illustrieren, seinen Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau fest.
Oleg Vorotnikov gefällt es gar nicht, dass im Lauf der Jahre andere in den Vordergrund gerückt sind. Wenn man ihn auf seine früheren Mitstreiter anspricht, knurrt er nur unwillig. Er lässt nicht viele Menschen als Freunde gelten. Nicht mal für Banksy hat er besonders warme Worte übrig, dabei hat der berühmte britische Underground-Künstler vor ein paar Jahren die Kaution für Oleg und Natalya gezahlt, als die wieder mal in Moskau in U-Haft saßen. Banksy soll die beiden auch danach finanziell unterstützt haben. „Wir hätten von den Zinsen leben können“, grinst Oleg. Nun aber nicht mehr, das Geld sei größtenteils aufgebraucht.
Viele wollten Oleg und Natalya schon helfen. Schließlich stand der Name Woina mal für ein junges, wildes, widerständiges Russland. „Als wir in Russland lebten, hatten wir in Europa unzählige Unterstützer“, sagt Oleg. „Es wurden aus Solidarität Plakate aufgehängt, Leute sind für uns auf Kirchen geklettert. Aber sobald wir nach Europa kamen, merkten wir, dass keiner irgendwas mit uns zu tun haben will. Geschweige denn uns helfen.“
Als sie noch unbehelligt reisen konnte, folgte  Natalya einer Einladung des Züricher Cabaret Voltaire. Sie gab dort eine Pressekonferenz und erzählte von ihrer Situation in Russland. Sie wohnte eine Zeit lang in Zürich bei Freunden, schließlich schaffte es Oleg, mit Kasper und Mama heimlich nachzukommen. Happy End? Nein. Im Gegenteil. Bald kam es zum Streit mit den Unterstützern in Zürich. Die Leute vom Cabaret Voltaire wollen heute gar nicht mehr darüber reden, eine Unterstützerin, die die Familie damals eine Zeit lang in ihrer Wohnung unterbrachte, erzählte Journalisten später wütend: „Die Woinas hinterlassen eine Spur der Zerstörung. Wer ihnen seine Wohnung zur Verfügung stellt, muss mit großen Schäden rechnen.“
Mittag in Basel, die Wolken hängen tief, am Ufer der Rheins weht ein gemeiner Wind. Oleg und Natalya stehen neben einer Parkbank, zum Sitzen ist es zu kalt. Olegs Bauch steckt trotz der Kälte nur in einem palmengemusterten T-Shirt, Natalya neben ihm wirkt winzig, blass, fast durchsichtig. Die Kinder Kasper und Mama turnen auf einem Spielgerüst herum, mehrmals stürzt Mama fast auf den Betonboden. Ihre Eltern lassen sie gewähren. Eine Viertelstunde vorher, auf der Straße, wäre Kasper um ein Haar vor eine Straßenbahn gerannt. Auch das hat Oleg und Natalya nur ein Schulterzucken entlockt. Wenn man länger mit den beiden unterwegs ist, merkt man, dass sie eine verdammt nüchterne Haltung zum Leben haben.
Ihre drei Kinder hat Sokol zu Hause zur Welt gebracht, genauer gesagt: außerhalb des Krankenhauses. Die jüngste Tochter Troitsa wurde in Basel in der Villa eines Paares geboren, das mit der Familie sympathisierte, sie dann aber auf die Straße setzte. „Eine Theaterregisseurin und ein Schriftsteller, auch so ein Paar, das von linkem Pathos erfüllt ist“, erzählt Oleg jetzt. „Ihr Motto war: Es gibt keine illegalen Menschen blabla. Wir dachten, wir können uns dort ein paar Monate erholen, aber sie schmissen uns nach einer Woche raus. Einfach so.“

ÜBERLEITUNG

Oleg und Natalya haben einen denkbar radikalen Kunstbegriff. Oleg hat der FAZ mal diktiert: „Kunst darf heute nur noch politisch sein und sonst nichts. Alles, was keine Politik ist, ist keine Kunst, sondern nur eine tote Vogelscheuche gefüllt mit Scheiße und Reflexion.“ Aber er macht keine Kunst mehr. Keine Aktionen, keine Performances. Seit Jahren nicht. Wie auch? Er darf sich ja nirgends blicken lassen. Aber das allein ist es nicht. „Hier im Westen kapiert sowieso niemand unsere Arbeit“, sagt Oleg. Wieso nicht? „Die Leute sind alle zu dumm. Sie haben nur Geld im Kopf. Sie verstehen nicht, worum es wirklich geht.“
Bei diesem Thema gerät Oleg schnell in Rage. Er schimpft auf Spießer und Kleinbürger, auf obrigkeitshörige Menschen und Feiglinge. Im Grunde, findet er, hat ihn der Westen gar nicht verdient. Tatsächlich will er auch kein Asyl beantragen, weder in der Schweiz noch in Deutschland. Er kann beide Länder nicht ausstehen, er sieht sich als jemanden, der hier nur gestrandet ist, vorübergehend. Und überhaupt, Unterbringung in einer Asylunterkunft? „Das kommt nicht infrage!“, knurrt Oleg, „Ich ziehe mit meiner Familie nicht in ein dreckiges Auffanglager. Unsere Kinder haben genug durchgemacht.“ Und dann sagt er mit ernstem Blick: „Ich bin Künstler. Wenn ich Asyl beantragen würde, dann sollten sich verdammt noch mal Minister um mich kümmern.“
Die Abenteuer dieser Familie in der Schweiz haben mit Kunst wenig zu tun, höchstens mit der Kunst des Überlebens. Wie lebt man monatelang mit drei Kindern, ohne gültige Papiere und ohne Bankkonto in einem Land, das im „Ausschaffen“ ungemütlicher Ausländer sehr effizient sein kann?
Ungemütlich für die Behörden wurden Worotnikow und Sokol spätestens Ende März 2016, als sie sich mit den Bewohnern einer linksgesinnten Genossenschaft in der Wasserstraße in Basel verkrachten. Es gab eine Prügelei, zwei Mal wurde die Polizei gerufen. Was genau passiert ist, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Es gebe eine Videoaufnahme, sagt Oleg, gefilmt von Kosa (Russisch für „Ziege“, Natalyas Künstlername): Es zeige, wie ein Dutzend Menschen mit Stöcken und Tränengas auf Oleg losprügeln und ihn fesseln. Nur: Das Video sei von der Baseler Polizei rechtswidrig beschlagnahmt worden.
Fest steht, dass die Familie Ende April 2015 nach Basel kam, als Sokol mit der jüngsten Tochter Troitsa hochschwanger war. Sie zogen in der Wasserstraße ein,  in einer Genossenschaft, deren Bewohner vor allem dafür bekannt sind, dass sie einige Gebäude vor dem Abriss bewahren konnten. „Die sind unheimlich stolz darauf, dass sie diese Häuser gerettet haben“, sagt Oleg. „Als hätten sie die Welt gerettet. Sie sind auch sonst unfassbar pathetisch, sie kämpfen für Flüchtlinge, sie kämpfen gegen den Stacheldraht. Aber im Grunde sind das verlogene Spießer.“
Die Wasserstraße liegt im Zentrum Basels, nah am Rheinufer. Die russische Familie durfte in einem grauen, dreistöckigen Haus mit kernig verputzter Fassade in den Dachstock einziehen. Sie hatten zwar keine eigene Küche, mussten die Toilette im Treppenhaus und die Dusche im Keller benutzen, aber so wohnt man nun mal in der Wasserstraße. Die Gäste waren zufrieden.
Heute wollen sich die Bewohner des Hauses auf keinen Fall zu Oleg und Natalia äußern. Erik aus dem Nachbarhaus – seinen Nachnamen möchte auch Erik nicht nennen – erinnert sich an die fröhlichen Grillabende der Russen im kleinen Hintergarten mit Kieselsteinen und einer Schaukelbank. Die Abende hätten sich in die Länge gezogen, die Familie sei durchaus laut gewesen. „Der kleine Kasper ist ein Wilder!“ Es liege wohl an Kasper, dass die Goldfische im Teich verschwunden seien. Natalia hätte ihm, Erik, erzählt, die Familie habe kein Geld für Lebensmittel und würde von Diebstählen in Supermärkten leben.
Die Familie verbrachte in der Wasserstraße elf Monate und wurde dann regelrecht hinausgeschmissen. Kurz davor hatte Sokol mit versteckter Kamera zwei Videos gedreht, die zeigen, wie blank die Nerven lagen. Beide Videos verbreiteten die Woinas auf Youtube und Twitter. Das erste heißt: „A Swiss human rights activist Almut Rembges threatens with violence to Voina with 3 small kids.“ Zu sehen ist eine Frau mit Brille, die der Familie den Zugang zum Haus versperrt. Sie sagt auf Englisch: „Nun weiß jeder, was für bitches ihr seid. Niemand wird euch nun helfen. Just fuck off.“
Auf dem zweiten Video, das 4:04 Minuten dauert, fällt das Wort „fuck“ in unterschiedlichen Variationen 27 Mal. Das Video entstand im Treppenhaus mit geschnitztem Geländer und heißt „A portrait of a swiss human rights fighter“. Man sieht dieselbe Bewohnerin, sie fuchtelt aufgeregt mit den Armen und nennt Oleg und Natalia abwechselnd „fucking parasites“, „fuckers“, „assholes“. „Ich habe euch hierher geholt, und ihr habt mein Leben zu Scheiße gemacht. Meine Freunde sind wegen euch ausgezogen!“
Die Frau empört sich über den Umgang von Worotnikow und Sokol mit den eigenen Kindern: „Ihr benutzt eure Kinder als Schutzschilder!“ Sie droht: „Wenn ihr das nochmal tut, komme ich zu euch hoch und ihr werdet mich noch kennenlernen. Ich kann sehr gewalttätig werden.“ Man sieht Worotnikow in grünem Bademantel, mit iPad in der Hand. Er sagt ruhig: „Wir haben dein Klopapier nicht genommen.“ Man sieht weitere Bewohner: Zwei stille Männer und eine lautstarke junge Frau. Letztere ist mit etwas bewaffnet, was wie eine Bratpfanne aussieht. Sie brüllt Oleg an: „Hast du sie geschlagen?“
Oleg sagt, immer noch ruhig: „Ihr seid alle Idioten.“
Frau mit Pfanne: „Glaubt, ihr wir sind alleine hier? Ihr seid hier raus bis Ende der Woche, ich sag’s euch. Wir werden Gewalt anwenden …“
Worotnikow und Natalia behaupten, die Bewohner der Wasserstraße hätten über Monate hinweg ihre Kinder schikaniert, um die Familie hinauszuekeln. Erik, der sich als eine Art neutraler Beobachter sieht, kann sich lediglich daran erinnern, dass die Stimmung irgendwann nicht mehr gestimmt habe. „Die Aktivisten haben dann den Zugang zur Dusche verbarrikadiert. Das hat mich irritiert, denn auch ich konnte nicht mehr duschen.“
Nachmittag in Basel, wieder am Rheinufer. Besuch in den holzgetäfelten Räumen einer Jugendstilvilla, die zur Psychiatrischen Klinik Basel gehört. Mit Unterstützung der Schweizer Opferhilfe hat die Familie einen Termin bei einem Jugendpsychologen. Er soll herausfinden, ob Kasper und Mama von den Erlebnissen in der Wasserstraße traumatisiert sind. Oleg und Natalya sagen, ihre Kinder hätten Angst vor Fremden. Als der Arzt sie begrüßt, lachen die Kinder aber fröhlich, dann machen sie sich gut gelaunt über das bereitliegende Spielzeug her.
Eine ältere Russin dolmetscht mit ungerührter Miene, und der Psychologe stellt bedächtig ein paar Fragen. Sehr bald wird klar, dass sich hier zwei Welten gegenüberstehen. Oleg und Natalya hätten gern so schnell wie möglich eine amtliche Bestätigung, dass ihren Kindern Böses angetan wurde. Der Psychologe, ein ruhiger Mann, der betont sanft spricht, versucht, ihnen klarzumachen, dass so ein Urteil nicht binnen einer Dreiviertelstunde zu treffen ist. Er fragt, ob die Kinder schon einmal zuvor ein traumatisches Erlebnis hatten. Natalya erklärt, auf ihrer Flucht aus Russland seien sie auch eine Zeit lang in Italien gewesen, und auch dort seien sie zusammengeschlagen worden, und man habe die Kinder in einen Raum gesperrt. Auf die ruhige Nachfrage, wer sie denn geschlagen habe, schweigt Natalya. Wieder mal.
Der Psychologe fragt nach den Lebensumständen der Familie. Oleg und Natalya wollen nicht deutlich sagen müssen, dass sie kein Dach über dem Kopf haben. Der Psychologe sagt: „Sie müssen verstehen, die meiste Hilfe kriegen Kinder von den Eltern. Sie müssen ihnen Sicherheit geben. Wenn es Ihnen selbst gut geht, hilft das den Kindern.“ Und dann sagt er noch: „Ganz wichtig ist, dass Sie an einem sicheren Ort leben und keine Angst haben müssen.“ Tja. Genau.
Schließlich erklärt der Psychologe, wie er jetzt idealerweise vorgehen würde: Erst mal ein paar Sitzungen nur mit den Eltern, dann die Kinder allein, in Ruhe, über Wochen hinweg, regelmäßig. Die Dolmetscherin übersetzt den Plan mit stoischer Miene. In den Gesichtern von Oleg und Natalya ist zu erkennen, dass sie sich das alles ganz anders vorgestellt haben.
Dabei haben die beiden von Anfang an ihre Kinder zum Teil ihrer Aktionen gemacht. Sie haben sie nie geschont. Als Oleg vor ein paar Jahren gefragt wurde, wie seine Kunstaktionen das Leben seiner Kinder beeinflussen, sagte er: „Es ist wundervoll. Die Aktivisten Mama und Kasper sind von Geburt an Mitglieder unseres Kollektivs. Kasper ist der jüngste politische Gefangene Russlands. Die Polizei hat ihn dreimal aufgrund seiner aktionistischen Tätigkeiten verhaftet.“


Abend in Basel. In der Markthalle am Hauptbahnhof gibt es freies WLAN. Kasper und Mama schätzen die Halle vor allem wegen ihrer hallenden Akustik. „Papaaaaa!!!“ brüllt Mama auf Russisch. „Du bist im Aaaaaarsch!“ Die Läden in der Halle machen zu. Natalya legt Knetmasse für die Kinder und eine Tüte geschälte Sonnenblumenkerne auf den langen Holztisch. Sie essen eine Weile schweigend. Diese Halle ist das Wohnzimmerähnlichste, was sie in diesen Tagen haben. Sie wissen noch nicht, wo sie heute übernachten werden, aber darüber wollen sie auch nicht sprechen. Oleg stellt sein Laptop auf den Tisch, blättert wie wild durch seine Mails, zeigt seine Schreiben an die Schweizer Behörden, wegen des Überfalls Ende März, wegen der schrecklichen Zustände in einer Flüchtlingsunterkunft, in der sie mal eine halbe Stunde verbrachten, wegen der beschlagnahmten Videoaufnahme. „Die Schweizer stecken alle unter einer Decke. Die Behörden, die Politiker, die Polizei, die Medien“, sagt Oleg. „Sie kochen ihre Süppchen und wir müssen das Ganze auslöffeln.“
Wird das Künstlerkollektiv Woina noch irgendwann Kunst machen?
Nein,  sagt Oleg. „Ich habe einige Aktionen im Hinterkopf, aber die braucht hier kein Mensch.“ Natalia seufzt: „Unser Leben ist doch Kunst. So wie wir hier leben.“ Oleg blickt sie skeptisch an.  

Письмо Тимофея Нешитова: